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#014 – La La Land

Viel der großen Vorrede über La La Land (USA, 2016) kann ich mir wohl sparen. Die Kritiken sind überragend, die Preis fliegen dem Film des jungen Regisseurs Damien Chazelle nur so zu und am Sonntag bei der Oscarverleihung ist er in unglaublichen 14 Kategorien nominiert. In der Regel sind das Voraussetzungen, die mich neugierig, aber auch skeptisch machen. Doch all die Skepsis wurde mir genommen und ich sah den bisher besten Film in diesem Jahr (und damit auf diesem Blog). In gewisser Weise wie eine vergangene Sommerliebe. Aber lasst uns von vorne beginnen.

Die Geschichte von La La Land spielt, wie der Name bei genauem Hinsehen verrät in La, also in L.A. (Los Angeles) und handelt von der jungen Schauspielerin Mia (Emma Stone) und dem Pianisten Sebastian (Ryan Gosling). Beide haben große Ziele, Mia als Schauspielerin und Sebastian hat den Traum von einem eigenen Jazz-Club. Doch beide sind bisher wenig erfolgreich. La La Land erzählt von dem Beginn der Liebe der beiden zueinander, von ihrer Schönheit und von Nostalgie.

Ein Grund für die besondere Aufmerksamkeit, die La La Land entgegengebracht wird, ist das Singen und Tanzen. Über den gesamten Film gibt es immer wieder Szenen, in denen die Hauptdarsteller beispielsweise im Duett singen oder sogar Choreografien tanzen. Das ist sicherlich ein Grund, warum die Menschen so viel Freude an diesem Film haben. Ähnlich wie Disneyfilme, Bollywood oder Musicals bleiben die Melodien im Ohr und der Film vermittelt auf diese Weise eine beschwingte Leichtigkeit, die durch bloßen Dialog nicht erreicht worden wäre. Die erste Szene des Films ist eine Art Ouvertüre. Sie ist nicht relevant für die Handlung, stellt jedoch klar, worauf sich der Zuschauer einzulassen hat. Dabei übertreibt Chazelle es ein wenig; vielleicht aber auch, damit der Zuschauer im Folgenden von den Gesangsszenen nicht mehr irritiert wird. In technisch aufwändiger Weise fliegt der Blick des Zuschauers durch einen Autobahnstau, in dem schier endlos viele Menschen singen, springen und tanzen zu einem Lied, das ich auch am Tag nach dem Kinobesuch noch vor mich hin gepfiffen habe.

Ein weiterer Grund ist, dass der gesamte Film ein einziges Abarbeiten von Nostalgien ist. Als Mia Sebastian erstmals ihr selbstgeschriebenes Stück vorliest, fragt sie ihn anschließend, ob es nicht zu nostalgisch sei, worauf er antwortet: „That’s the point!“ Und genau das ist auch der Punkt von La La Land, und zwar auf allen Ebenen. Sebastian trauert (auch im Namen des Regisseurs) der Blütezeit des Jazz hinterher, Mia der verpassten Liebe. Gleichzeitig ist der Film eine Hommage an die Vergangenheit des Kinos. An die Zeit, in denen noch regelmäßiger auf der Kinoleinwand gesungen wurde. An James Dean. An West Side Story. Vielleicht sogar an Mary Poppins. Nostalgie ist ein so menschliches und allen Zuschauern bekanntes Gefühl. Und Nostalgie ist oft durchzogen von Schmerz. In Momenten der Nostalgie schwelgen wir in der trügerischen Schönheit des Vergangenen. Wir genießen das, was nicht mehr ist – Jugend, Liebe, verpasste Gelegenheiten, entronnene Zeit. Jeder kennt nostalgisches Schwärmen und die Frage, was passiert wäre, wenn wir an den Wendepunkten unseres Lebens anders entschieden hätten. La La Land bearbeitet diese Nostalgie gnadenlos und schmerzhaft, aber verpackt in tänzerische und gesungene Leichtigkeit.

Emma Stone und Ryan Gosling spielen diese Liebesgeschichte so schön, dass sicherlich beide nicht zu Unrecht für den Oscar nominiert sind. Ich persönlich mag Emma Stones Mimik in quasi jeder Szene, außerdem ist sie die mit Abstand die beste Playback-Sängerin. Denn die oben beschriebene Anfangsszene hat ein paar Momente wirklich schlechten Playbacks dabei. Ryan Gosling zeigt hingegen, dass kaum jemand so attraktiv die Hand in die Hosentasche steckt wie er. Und auch, dass mit ihm Autofahren zu großem Kino werden kann, wissen wir spätestens seit Drive.

Technisch ist La La Land wirklich aufregend gut. Chazelle arbeitet mit so viel Feingefühl an der Bildsprache und bewegt sich so elegant zwischen modernem Kino und seiner persönlichen Kinonostalgie der 50er und 60er Jahre, dass der Zuschauer ständig zwischen Realität und Traum, zwischen Dialog und Gesang, zwischen modernen Bildern und den auffällig künstlichen, leicht kitschigen Kulissen von damals hin und her geworfen wird. Getragen werden diese Wechsel auch von einem fantastischen Soundtrack voller schöner Jazz-Stücke und ohrwurmverdächtigen Gesangseinlagen.

!!Achtung, der folgende Absatz ist voller zentraler Spoiler!! Bitte auf jeden Fall überspringen, wenn man den Film noch nicht gesehen hat.

Ich sagte zu Beginn, dass La La Land der beste Film ist, den ich dieses Jahr gesehen habe. Das liegt nicht nur an dieser schnörkellos schönen Liebesgeschichte, sondern auch daran, wie brutal Chazelle uns diese Liebe am Ende wieder nimmt. So ungewohnt problemlos wie der Film in einer Stunde die beiden Hauptfiguren in ihrer Liebe vereint, so dramatisch endet er, wenn sie sich fünf Jahre später wiedersehen. Beide haben ihren Traum erfüllt, ihn jedoch mit ihrer Beziehung bezahlt. In einer Art Traumsequenz spielt sich in Mias Kopf und vor den Augen des Filmzuschauers die gesamte Geschichte des Films erneut ab, mit dem einzigen Unterschied, dass die Liebe der beiden im Traum bestehen bleibt. Diese Sequenz spiegelt so viel Glück wieder – ein Glück, das sie und Sebastian zu ihrer Zeit hatten. Die Nostalgie und Zweifel, die Mia spürt, brechen dem Zuschauer förmlich das Herz und auch Sebastian, der die Szene mit seinem Klavierspiel begleitet, trägt dazu bei. Die letzte Tonfolge klingt irgendwie leicht verzerrt, wie zitternd. Und kurz bevor die Melodie auf dem letzten Ton, dem Grundton – und damit in der musikalischen Harmonie – endet, hört er auf zu spielen. Denn die Harmonie der Sequenz ist nicht real. Er beendet das Stück also nicht und holt Mia aus ihrem Traum in die Realität zurück, in der die Liebe der beiden eine Liebe von gestern ist. Ich persönlich kann nicht verstehen, wieso Leute im Anschluss an den Film singend und tanzend das Kino verlassen. La La Land baut vor unseren Augen eine der schönsten Liebesgeschichten seit Langem auf, nur um sie am Ende zusammenfallen zu lassen. Die gesamte Geschichte noch einmal (nostalgisch) mit einem alternativen, glücklichen Ausgang zu erzählen, ist fast schon sadistisch und lässt den Zuschauer am Ende mit seinen eigenen Zweifeln und Nostalgien im dunklen Kinosaal zurück. La La Land ist daher ein bisschen wie eine süße Droge. Man weiß, wie wirkmächtig sie ist und sie wird einen für einen Augenblick unglaublich glücklich machen. Aber nach dem ersten Mal weiß man auch, am Ende hinterlässt sie einen in Trümmern.

 

Fazit:

La La Land ist eine Liebeserklärung an die Liebe. Erotik oder körperliche Leidenschaft spielen dabei kaum eine Rolle. Sogar Romantik passt irgendwie nicht als Konzept. Es geht um die Vorstellung ganz einfacher, schnörkelloser Liebe. Szenen, die dem im Wege stehen, wie das Beenden der Beziehung von Mia zu ihrem vorherigen Freund, werden völlig problemlos beiseitegeschoben. Daraus entsteht eine Liebesgeschichte, so schön und unecht wie ein Traum, dem man sich aber trotzdem für 128 Minuten leidenschaftlich hingibt. Auch ist der Film eine Ode an das Kino der Mitte des 20. Jahrhunderts, an Jazz und an Musik im Allgemeinen. Das Stilmittel des Singens und Tanzens sind so gut in die Geschichte eingebunden, dass es kein aufgesetzter Kitsch ist, sondern ein tragendes Element der Erzählung, die ohne die Musik nur schwerlich diese Leichtigkeit und Schönheit der Liebe vermitteln könnte. Dieser Blogeintrag ist wahrscheinlich der längste bisher und vielleicht habe ich auch ein wenig zu viel von der Liebe gesäuselt. Aber vielleicht repräsentieren auch die Sprache und die Länge eines Textes den Eindruck, den ein Film hinterlassen hat.

(5 / 5)

Ein Kommentar

  1. Hannah

    DANKE für diese entzückende Rezension! Ich versuche seit Wochen in Worte zu bekommen, warum mich La La Land so umgehauen hat. Du sprichst mir aus der Seele :)

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